Mit Ecken und Kanten

17.09.2019

Eine Initiative gegen unsere Verschwendungsgesellschaft

Store Nürnberg Foto: Julia Stiller

Gründerin Jessica Könnecke Foto: Julia Stiller

Produkte aus dem Store in Nürnberg Foto: Julia Stiller

Erzählt uns bitte mehr über das Konzept hinter "Ecken und Kanten" Wie ist es entstanden und was war eure Motivation dahinter?

Tag für Tag werden überall auf der Welt Milliarden von Produkten produziert. Viele davon schaffen es aber leider gar nicht erst in die Ladenregale, weil sie aufgrund von kleinen Schönheitsfehlern, einer beschädigten Verpackung oder einer fehlerhaften Produktionsreihe sofort aussortiert und entsorgt werden. Auch in Deutschland ist das Alltag bei den allermeisten Firmen. Für mich, Jessica, stand nach meinem Masterstudium in Schweden fest, dass ich genau dagegen ankämpfen möchte. "Mit Ecken und Kanten" ist eine Initiative, die sich gegen unsere Verschwendungsgesellschaft und für die Wertschätzung von nachhaltigen und fairen Produkten einsetzt. 

"Mit Ecken und Kanten" gibt Produkten, die ursprünglich mal ein Muster waren, einen kleinen Schönheitsfehler haben, aus einem älteren Sortiment stammen oder eine alte Verpackung tragen, eine zweite Chance. Ein Ort für nachhaltige B-Waren sozusagen. Alle Produkte haben unter Umständen ein paar Ecken und Kanten, werden dafür aber für einen günstigeren Preis verkauft. Somit ist es eine Win-Win Situation für alle: Das Produkt findet einen neuen Besitzer und unsere KundInnen erwerben ein einzigartiges Produkt, das fair und nachhaltig ist, für einen günstigeren Preis. Die Produktpalette reicht mittlerweile von fair produzierter Mode, über Naturkosmetik, bis hin zu Taschen, Zero Waste Produkten, Schmuck und Food Produkten. 

Wir kooperieren bewusst nur mit nachhaltigen Unternehmen, weil wir der Meinung sind, dass unser Konsum von billiger Massenware so nicht mehr vertretbar ist. Alle Produkte werden von uns sorgfältig ausgesucht und bevorzugt von deutschen und regionalen Unternehmen bezogen.

 

„Why so perfect, honey?“ lautet euer Motto, das uns als Inklusionsunternehmen sofort angesprochen hat. Warum sind aus eurer Perspektive unperfekte Produkte nachhaltiger und besser?

Viele Menschen sehen hinter dem Begriff der „Nachhaltigkeit“ meistens nur die ökologische Nachhaltigkeit. Wenn mein Produkt aus Bio-Baumwolle hergestellt wurde, muss es also nachhaltig sein, so oft die Denkweise. Dabei wird die soziale Nachhaltigkeit oft vernachlässigt. Also wo und unter welchen Bedingungen ein Produkt hergestellt wurde. Uns ist es wichtig, dass wir Nachhaltigkeit noch einen Schritt weiter denken und fordern die Menschen dazu auf, ihren Konsum generell zu überdenken.

Wir sind der festen Überzeugung, dass wir Unternehmenskonzepte komplett neu überdenken müssen. Wir brauchen nicht das x-te Unternehmen, das ein neues Auto produziert, sondern eines, das überlegt, wie wir urbanen Mobilität neu erfinden. Wir brauchen nicht das x-te Modelabel, das einen neuen Pulli auf den Markt bringt. Wir brauchen Lösungen, die der Fast Fashion- und viel zu billigen Textilindustrie den Kampf ansagen. Unsere Produkte sind daher quasi doppelt nachhaltig, weil sie

a) B-Ware und damit unperfekt sind und
b) unter fairen Bedingungen und mit nachhaltigen Materialien produziert wurden.
 

Welche Produkte können wir in eurem Shop finden? Bietet ihr die gleichen Sachen in eurem Laden in Nürnberg wie online oder gibt’s da Unterschiede?

Unser Sortiment ist generell relativ breit aufgestellt, weil wir schnell gemerkt haben, dass es einfach in allen Bereich Produkte mit Ecken und Kanten gibt, die wir an unsere KundInnen weitergeben können. Die Produktpalette reicht dabei von fair produzierter Mode, über Naturkosmetik, bis hin zu Taschen, Zero Waste Produkten, Schmuck und Food Produkten. IT-Geräte haben wir noch keine im Sortiment, weil wir bis dato einfach keinen passenden Partner gefunden haben. Aber vielleicht wird sich das ja zukünftig noch ändern ;-)

Wir bieten in unserem Laden in Nürnberg generell ein relativ ähnliches Sortiment wie in unserem Onlineshop an. In unserem Laden haben wir noch ein bisschen mehr faire Modeartikel, gerade, wenn es sich um Musterteile handelt, die wir nur in einer sehr kleinen Stückzahl vorrätig haben. Dafür ist ein Ladengeschäft natürlich ideal. Momentan ist unser Laden einmal im Monat an einem Samstag geöffnet. Der Rest läuft komplett online. Für ein Startup ist es gerade am Anfang einfacher über einen Onlineshop viele Menschen zu erreichen.

 

Hand aufs Herz: Steht ihr zu euren eigenen Ecken und Kanten?

Aber na klar! Für uns war und ist es immer noch ein wichtiges Anliegen, den Menschen zu zeigen, dass uns gerade unser Nicht-perfekt-Sein als Mensch ausmacht und unsere scheinbaren „Makel“ uns doch letztendlich voneinander unterscheiden. Heutzutage fühlen sich viele Menschen durch die sozialen Medien extrem unter Druck gesetzt, was ihr Aussehen, Job oder Haus angeht. Wir finden, dass man in einer offenen und toleranten Gesellschaft so leben sollte, wie man eben ist und dass dieser ständige Vergleich mit anderen nur Gefahren und negative Auswirkungen mit sich bringt. Unser unperfekten Produkte geben da schon mal den ersten richtigen Impuls :)

 

Ihr setzt euch stark für Nachhaltigkeit und Umweltschutz ein. Wenn es in eurer Macht läge, Gesetze umweltgerechter zu machen, welche drei Regeln würdet ihr implementieren?

Zu allerst würden wir den öffentlichen Nahverkehr in Deutschland fördern und ein Jahresticket für 365€ einführen, dass man in ganz Deutschland verwerten darf. Außerdem würden wir ein Gesetzt einführen, welches faire Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie festlegt und das dann auch streng kontrolliert werden würde. Zu guter Letzt würden wir das „Urban Gardening“ in Städten fördern und eine feste Anzahl an Stadtgärten der Stadtgröße entsprechend festlegen.