Leben und Arbeiten ohne Gehör

"Viele Menschen glauben, dass Gehörlose nichts alleine machen können. Wieso?!" - Imela Popovic beweist täglich das Gegenteil. Arbeiten, Autofahren, die eigene Wohnung. Es gibt kaum etwas, von dem sich die 23-Jährige abhalten lässt. Zum Erstaunen vieler ihrer Mitmenschen. Seit ihrer Kindheit ist Imela gehörlos. Im Oktober kam sie von Wuppertal nach Ettlingen, um fest bei der AfB zu arbeiten. Anlässlich des Internationalen Tages der Menschen mit Behinderung am 3. Dezember erzählte sie von den Schwierigkeiten ihres Alltags, Zukunftswünschen und ihren Stärken.

Die ausgebildete Fachinformatikerin für Systemintegration machte bei AfB zuerst ein Praktikum und fühlte sich im Integrationsunternehmen gleich sehr wohl. Für den neuen Job verzichtet sie nun auf die Nähe zu ihrer Familie, nur ihr fester Freund lebt gemeinsam mit ihr in Karlsruhe. Trotz zahlreicher Bewerbungen in ganz Nordrhein-Westfalen blieb die Suche erfolglos. Aufgrund ihrer Gehörlosigkeit wollte kein Arbeitgeber sie einstellen. Niederlassungsleiter Lars Keller sieht das anders: "Nicht die Behinderung zählt, sondern die Leistung."

Bei AFB in Ettlingen erledigt Imela aktuell Aufgaben rund um den Einkauf: Sie pflegt Stammdaten, macht Bestellungen oder stellt Lieferscheine aus. Ab nächstem Jahr wird sie dann auch im IT-Support eingesetzt. Die Arbeit hier mache ihr Spaß, doch gibt es einige Hilfsmittel, die ihr den Alltag erleichtern. Die Chatfunktion der Kommunikationssoftware ist dabei besonders wichtig. Darüber kann Imela Fragen klären, Aufgaben besprechen und sich vor allem mit den Kollegen unterhalten. In Zukunft will AfB der gehörlosen IT-Fachfrau zusätzlich die Dolmetscher-Software Tess zur Verfügung stellen. Per Videofunktion kann Imela dann in Gebärdensprache telefonieren. Ein Dolmetscher übersetzt das Gesagte zeitgleich für den Gesprächspartner in die gesprochene Sprache und dessen Antwort wieder zurück. „Bisher kann ich zur Kommunikation mit Kunden oder Partnern nur E-Mails nutzen. Dabei würde anrufen natürlich viel schneller gehen“, kennt Imela die Schwierigkeit ihres Berufsalltags.

Ihre Stärke sei allerdings eindeutig die Konzentration, weiß sie aus ihrer Erkrankung humorvoll einen Pluspunkt zu ziehen und lacht: „Wenn alle im Raum laut und viele von ihrer Arbeit abgelenkt sind, bleibe ich ganz konzentriert bei der Sache.“ Welche Vorurteile ihr dennoch auch außerhalb des Büros begegnen und mit welchen Hindernissen sie zu kämpfen hat, damit geht die 23-Jährige sehr offen um.


Gibt es aus deiner Sicht Probleme im Umgang mit deinen Kollegen?

Imela: Natürlich gibt es die. Für alle meine Kollegen sind der Umgang sowie die Kommunikation mit mir als Gehörlose eine ganz neue Situation. Das ist völlig normal. Meistens haben sie Mühe, langsam mit mir zu sprechen. Aber wenn das nicht klappt, dann schreiben wir einfach auf Zettel. Toll finde ich auch, dass unser Niederlassungsleiter Lars Keller einen Kurs besucht und die Gebärdensprache lernt. So können wir in Zukunft besser kommunizieren. Darauf freue ich mich.

Glaubst du, dass viele Menschen Vorurteile gegenüber Gehörlosen haben?

Imela: Meistens ja. Sie glauben, dass jemand wie ich immer Hilfe braucht. Dabei können Gehörlose genauso viel alleine machen. Eben alles, außer hören. Ich fahre ja zum Beispiel auch Auto.

Welche negativen Erlebnisse hast du dadurch bisher in deinem Leben gemacht?

Imela: Ich habe fünf Monate eine Wohnung gesucht und keine gefunden. Alle Vermieter haben mir eine Absage erteilt. Als ich nachgefragt habe warum, kam jedes Mal dieselbe Antwort: wegen der Kommunikation. Das konnte ich einfach nicht verstehen. Zum Glück habe ich durch die Hilfe eines Kollegen vor kurzem doch eine Wohnung gefunden. Wer so freundlich war, mir zu helfen, das weiß ich leider nicht. Schließlich wurde die Visitenkarte des Vermieters sogar bei uns im Shop abgegeben.

Was erhoffst du dir für die Zukunft?

Imela: Ich wünsche mir, mehr und vor allem dieselben Chancen zu bekommen, wie Menschen, die nicht gehörlos sind. Menschen mit und ohne Hörschädigung sollen mehr aufeinander zukommen und so gemeinsam für Gleichberechtigung sorgen. So wie zum Beispiel Lars bei der AfB Gebärdensprache lernt, um mit mir kommunizieren zu können, und ich mich im Gegenzug anstrenge, ihn zu verstehen. Außerdem wäre es schön, wenn es mehr Barrierefreiheit im Alltag gäbe und die Menschen mehr über Gehörlose wissen würden. Schließlich gibt es laut Statistik etwa 80.000 Hörgeschädigte in Deutschland.“